Philosophie nach Patanjali

Wie ist es möglich, mehr innere Freiheit und Frieden zu finden in einem mit grossen Anforderungen und Hektik angefüllten Alltag?

Patanjalis berühmtem Text über Yoga, dem so genannten Yoga Sutra, kann viel zur Beantwortung dieser Frage beitragen. Eine Beschreibung der Ursachen, warum wir uns immer wieder als eng, unzufrieden und unglücklich erleben, ebenso wie Strategien, die uns in die Lage versetzen, solche Situationen zu überwinden: In Patanjalis Werk wird beides entwickelt. Fast zweitausend Jahre alt ist dieser Text und fasziniert durch seine unerwartet moderne, für unsere Zeit in jeder Hinsicht brauchbare und praktische Art, in der er der Frage nachgeht, wie die in jedem von uns vorhandenen Ressourcen positiv genutzt werden können.

Es ist ebenfalls bemerkenswert, das das Yoga Sutra über all die Jahrhunderte nie zu einer religiösen Bewegung oder Schule wurde. Aber vielleicht gerade wegen seiner grossen Offenheit, vielleicht wegen seiner einfachen Klarheit, vielleicht wegen der grossen Kraft seiner Gedanken, vielleicht weil seine tiefe Spiritualität allen zugänglich ist. Der Yoga Patanjalis hat schliesslich alle Weisheitslehren und Uebungswege Indiens, den Buddhismus eingeschlossen, inspiriert. Was im Mittelpunkt von Patanjalis Betrachtungen steht, ist nämlich unser Geist. Seine Funktionsweise, sein Einfluss auf unser Leben, seine Begrenzungen, aber auch seine oft nur im Verborgenen schlummernden Möglichkeiten, all das behandelt und analysiert Patanjali unter den verschiedensten Fragestellungen. Welche Strukturen in unserem Geist sind es eigentlich, die uns in Enge, Hader und Leiden zwingen? Welche seiner Möglichkeiten führen uns zu besserer, tieferer Wahrnehmung und mehr Freude am Leben? Wie können wir diese positiven Möglichkeiten entwickeln? Solche Fragen stellt das Yoga Sutra, ohne dabei an irgend einer Stelle von der indischen Religiosität geprägte Inhalte zu transportieren zu wollen und zu müssen.Dies ist seine ursprüngliche Intention und macht es zu einem für Indien einzigartigen Werk.

T.K.V. Desikachar